Karlsson vom Dach

Karlsson vom Dach Band 1 und 3

Karlsson vom Dach – zweifelhafter Protagonist in textlich guter Geschichte

Von: Astrid Lindgren

Illustrationen: Ilon Wikland

Erschienen: Verlag Friedrich Oetinger GmbH, 1956 (Band 1), 1968 (Band 3)

Band 2 „Karlsson fliegt wieder“ haben wir nicht gelesen und ist deshalb ausdrücklich nicht Bestandteil dieser Rezension. Hier findet ihr eine kurze Besprechung, die alle drei Bücher umfasst. Und hier weitere Informationen zu der Trilogie.

Zum Inhalt:

Wer ist eigentlich Karlsson vom Dach?

Karlsson ist…ja, was ist er eigentlich? Von sich selbst behauptet er, er sei ein genau richtig dicker Mann in den besten Jahren. Er ist so groß, wie ein siebenjähriger Junge, wobei er sich benimmt, wie ein dreijähriger. Karlsson wohnt auf dem Dach. Ach so, und er hat einen Propeller auf dem Rücken, mit dem er hummelsgleich über die Dächer Stockholms surrt.

Karlsson vom Dach vor seinem Häuschen
Karlsson´s Häuschen hinter dem Schornstein

Im ersten Buch „Karlsson vom Dach“ freundet sich der kleine Propeller-Mann mit Lillebror an, dessen Familie das Haus bewohnt, auf dem Karlsson lebt. Seit Jahr und Tag unentdeckt. Nur ein Schornsteinfeger findet einmal sein Haus, ist sehr verwundert, aber zum Glück ebenso vergesslich und denkt nach all der Schornsteinfegerei nicht wieder an diese merkwürdige Begebenheit.

Und wer ist Lillebror?

Lillebror lebt in einer heilen Welt, die von Karlsson zuweilen leicht erschüttert wird, denn dieser liebt es Schabernack zu treiben. Leider geschieht das meist auf Kosten seines kleinen Freundes, wie zum Beispiel, als die Dampfmaschine explodiert. Lillebror versucht seinen Eltern und Geschwistern zu erklären, dass das Karlsson gewesen ist, doch die halten ihn für ein Hirngespinst und meinen Lillebror sollte zu seinen Fehlern stehen.

So geht es das gesamte erste Buch. Karlsson verzapft Blödsinn, Lilliebror muss dafür geradestehen und seine Familie und später auch seine Freunde glauben ihm nicht. Die gerade richtig dicke Hauptfigur hat zu all dem nicht viel mehr zu sagen, als: „Das stört keinen großen Geist.“ (Ein Spruch, der übrigens äußerst alltagstauglich ist.)

Karlsson vom Dach und seine gute Seiten

Einzig als Karlsson Milch für ein schreiendes Baby besorgt und den Ganoven des Viertels eines auswischt, zeigt er, dass er auch gute Seiten hat. Er schafft es sogar, einen Einbruch zu vereiteln. Dabei lernen Lillebror´s Freunde Krister und Gunilla endlich den kleinen Mann mit dem Propeller kennen. Seine Familie glaubt ihm jedoch nach wie vor nicht, dass auf dem Dach noch jemand wohnen soll.

Doch an seinem Geburtstag ist es endlich soweit und seine Eltern und Geschwister lernen Karlsson kennen. Ein weiterer, großer Wunsch Lillebror´s geht in Erfüllung: Er bekommt einen eigenen Hund. „Heißa hopsa!“

Karlsson vom Dach an Lillebror´s Geburtstagstisch
Lillebror´s Geburtstagstafel

Der beste Karlsson der Welt

Band 3 „Der beste Karlsson der Welt“ ist ein wenig abenteuerlicher in der Handlung. Auf Karlsson wurde ein Kopfgeld von 10.000 Kronen ausgesetzt, da er verdächtigt wird, ein Spion zu sein. Lillebror versucht ihn zu schützen und seine Identität weiter zu verheimlichen, was – dank Karlsson`s Temperament – alles andere als einfach ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass Lillebror die Sommerferien, zwar bei sich zu Hause, aber mit seinem Onkel Julius und der Hauswirtschafterin Fräulein Bock verbringen muss. Natürlich geraten die beiden mit dem ungehobelten, dicken Kerl, den sie für einen Schulkameraden halten, ständig aneinander.

Karlsson vom Dach und Fräulein Bock
Fräulein Bock schimpft

Bekannte und Bekanntes

Die Streiche, die Karlsson ausheckt und in die er seinen Freund hineinzieht, ähneln denen aus Band 1. Auch die beiden, uns bereits bekannten, Halunken tauchen wieder auf. Es wird spannend, denn sie planen einen Einbruch und die Entführung Karlssons, um das Kopfgeld zu bekommen.

Doch natürlich kann dieser die beiden überlisten, denn dumm ist er ja nicht. Er schafft es sogar, von Onkel Julius akzeptiert zu werden. Die Problematik des Spionageverdachts löst Karlsson clever, indem er sich nicht nur stellt, sondern auch erklärt und schließlich sogar die 10.000 Kronen einkassiert. „Bosse bisse basse bisse bumm!“

Fazit und Moral von der Geschicht‘:

Unsympathische Hauptfigur

Karlsson ist bisher, die einzige Figur aus der Feder Lindgrens, mit der ich einfach nicht warm werde. Er ist egoistisch, frech und vorlaut. Aber nicht auf so eine charmante Art, wie Pippi Langstrumpf frech und vorlaut ist. Er nutzt seinen Freund Lillebror aus, der ihm – aus welchen Gründen auch immer – treu ergeben ist und ihn beschützen möchte. Er gibt ihm sogar seine Bonbons und all sein Erspartes. Ein Plädoyer, seine Mitmenschen so zu akzeptieren und lieben wie sie sind? Vielleicht. Vielleicht nutzt Karlsson Lillebror´s Gutmütigkeit auch einfach nur aus.

Auch meinem Ältesten kam das komisch vor und mehr als einmal fragte er, warum Karlsson denn so gemein zu Lillebror sei. Richtig zufriedenstellend konnte ich diese Frage leider nicht beantworten.

Karlsson fordert viel vom gutmütigen Lillebror
Gutmütiger Lillebror

Positive Seiten von Karlsson vom Dach

Was Karlsson allerdings sympathisch macht, ist seine Jagd auf die Gauner Fille und Rulle. Bei den Szenen hat mein mütterliches Herz, das täglich um die moralische Erziehung ihrer eigenen Söhne bangt, kurz etwas ruhiger geschlagen.

Mir ist klar, dass Karlsson auch als ein Konterpunkt der spießigen und konformistischen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre gelesen werden kann. Und ich möchte auch nicht klingen, als wäre ich im Vorsitz dieser Gesellschaft. Aber ich bin der Meinung, dass dem Anti-Helden Karlsson (wenn man ihn denn so nennen kann) Eigenschaften fehlen, die ihn zu einer guten Hauptfigur machen, der ich gerne durch die Geschichte folge.

Die Illustrationen

Die Illustrationen sind, wie bei Ronja Räubertochter auch, von Ilon Wikland. Jedoch sind sie deutlich fröhlicher und freundlicher als in der Räubergeschichte. Mit Karlsson warm zu werden, dabei haben sie allerdings auch nicht geholfen.

Karlsson fliegt vor einem Bild
Karlsson fliegt vor Bild

Für uns nichts zum weiter oder wieder lesen

Den uns fehlenden mittleren Teil werde ich in nächster Zeit nicht vorlesen, auch wenn es für ein vollständiges Meinungsbild sein müsste. Aber das Vorlesen hat mir zu wenig Freude bereitet, als das ich es ein weiteres Buch durchhalten würde.

Vielleicht kam Karlsson einfach zur falschen Zeit in unser Kinderzimmer geflogen. Vielleicht hätte mir das Buch mehr Freude bereitet, wenn ich nicht so schwer damit beschäftigt wäre, dass aus meinen Kindern eben kein Karlsson vom Dach wird (vorlaut, verfressen, verliebt in sich selbst *zwinkersmiley).

Irgendwie trotzdem was für Lesebengel

So ganz negativ möchte ich diese Rezension nun aber nicht beenden. Muss ich zum Glück auch nicht, denn textlich sind die beiden vorliegenden Bücher genauso herausragend, wie die anderen Werke von Astrid Lindgren. Sprachlich und inhaltlich trifft sie perfekt die Balance zwischen Abenteuer und familiärer Sicherheit.

Sie beschreibt Freundschaften, Auseinandersetzungen unter Geschwistern und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern so, dass junge Leser und Zuhörer sich hineinversetzen können. Auch wenn zwischen den damals und heute mehr als ein halbes Jahrhundert liegt.

Der Umstand, dass Karlsson einen Propeller auf dem Rücken hat, wurde von meinen kleinen Zuhörern mehrfach hinterfragt, aber schließlich für gut befunden. Einfach so per Bauchnabel-Knopf losfliegen, wie herrlich das sein müsste!

Die Handlung an sich ist angenehm arm an Action und so ideal für junge Zuhörer, die ihre ersten Bücher ohne viele Bilder vorgelesen bekommen.

Und, wie immer, können auch wir Eltern und Vorleser etwas lernen, da auch diese Lindgren-Geschichte wie ein Spiegel ist. Man muss nur wagen, hineinzusehen, auch wenn man gerade ganz verknittert aussieht.

3 thoughts on “Karlsson vom Dach”

  1. Hallo , ich bin gerade in diverse Foren zum Thema Karlsson geraten . Mir fällt auf dass Alles was ich lese von Frauen verfasst ist , die Karlsson irgendwie blöd finden – weniger sympathisch als Pippi Langstrumpf usw .. Schon mal darüber nachgedacht , dass Karlsson eben das Vorbild für Jungs sein soll ( wie Pippi für Mädchen ) , gegen Eltern , autonom , chaotisch , zornig , ungerecht , egoistisch ….eben alles das was kleine Jungs ( nicht nur zu Hause , auch in der Schule , überall .. ) nicht sein dürfen . Oder sollen wir alle werden wie Lillebror ? VG Johannes

    1. Moinmoin,
      das ist ja eine interessante Beobachtung, dass gerade Frauen das schreiben. Vielleicht kann man Karlsson tatsächlich als Pippi für Jungs sehen, wobei meine Söhne Pippi lieber mögen als Karlsson. Vorbilder für männliche Leser finden sich bei Astrid Lindgren ja so einige und Michel, Mattis usw. sind mir einfach lieber als Karlsson. Ich kenne aber auch viele, die Karlsson lieben. Es bleibt also Geschmackssache.
      Viele Grüße und danke für den Beitrag!
      Anne

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