Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika

Cover

abenteuerliche Reise eines Elefanten und zweier Geschwister

Von: Oliver Scherz

Illustrationen: Barbara Scholz

Erschienen: Thienemann Verlag, 2014

Zum Inhalt:

Besuch von einem Elefanten

Joscha und seine kleine Schwester Marie sollen heute alleine einschlafen, da ihre Eltern ausgegangen sind. Draußen tobt ein Sturm und den beiden Geschwistern, die mit einer Fantasie ausgestattet sind, die schöner blüht, als die bunteste Sommerwiese, ist das alles nicht so ganz geheuer.

Joscha und Marie
Joscha und Marie

Plötzlich klopft es ans Fenster und davor taucht ein Auge in einer großen, grauen Wand auf. Es ist ein Elefant, der gerne versteckt werden möchte, weil er ein flüchtiger Zoo-Ausbrecher ist. „Einem Elefanten in Not, muss man helfen“, denken sich die Kinder.

Ziel der Flucht soll Afrika sein. Abuu, der Elefant, möchte endlich zu seiner Familie, die er nur aus den Erzählungen seiner Mutter kennt. Die ist in Afrika geboren, er dagegen im Zoo. Joscha weiß, wo Afrika liegt. Im Süden nämlich. Und auf dem Globus sieht das gar nicht mal so weit weg aus.

Wir müssen kurz nach Afrika

Bruder und Schwester malen Abuu kurzerhand so an, dass er aussieht, wie eine bewachsene und bemalte Hauswand, und machen sich auf den Weg. Sie verlassen die Stadt und marschieren in Richtung Gebirge. Unterwegs unterhalten sie sich und erfahren mehr über Abuus Vergangenheit. Eine Freundschaft zwischen den dreien entsteht.

In den Bergen

ein Bär greift an
Begegnung mit dem Bären

Im verschneiten Gebirge begegnen sie einem schlecht gelaunten Bären, der ihnen den Weg versperrt. Es entspannt sich ein wirklich unterhaltsames Gespräch zwischen den Vieren. Und dank ihres diplomatischen Geschicks lässt der Bär sie passieren. Mehr noch, er lädt sie sogar in seine Höhle ein. Die anfängliche Skepsis des Bären weicht einem ehrlichen Interesse an seinen Besuchern.

Abenteuerliche Reise auf dem Wasser

Mit einer wilden Rutschpartie sausen sie aus dem Gebirge hinaus und immer weiter in Richtung Süden. Sie kommen an einen Fluss, dem sie folgen wollen. Wasser fließt immer runter und Süden ist auch unten. Also bauen sie ein Floß und schippern weiter auf abenteuerliche Reise. Abuu nutzt die Zeit, um seinen kleinen, menschlichen Freunden mehr von seiner Familie zu erzählen, davon, wie seine Urgroßmutter ihre Herde einst gegen ein Rudel hungriger Löwen verteidigte.

auf dem Floß
Auf dem Floß

Der Fluss mündet in das Meer. Elefantenohren werden zu Segeln, der Rüssel zum Außenbordmotor. Sie geraten in einen Sturm und bekommen Besuch von einem schleimigen Kraken, der die Floß-Besatzung ins Meer hinunter locken will:

„Ich zeige dir Regenbogen-Fische und See-Pferdchen. Und die Quallen werden für dich tanzen.“ (Zitat, S. 63). Abuu wagt den Kampf gegen den Kraken, rettet die Kinder, wird aber von ihr auf den Meeresgrund gezogen. Einsam fühlen sich Joscha und Marie als das tosende Meer sie schließlich an einem fremden Strand ausspuckt.

Wiedervereint und auf dem Weg durch die Wüste

Traurig setzen sie sich an den Strand und hoffen, dass Abuu wieder auftaucht. Und die kleinen Leser und Zuhörer werden nicht allzu lange auf die Folter gespannt. Abuu schwimmt zu ihnen und berichtet nach einem herzlichen Wiedersehen, wie er den Kraken ausgetrickst hat.

Die kleine Reisegruppe ruht sich nicht lange aus. Als nächstes gilt es, eine Wüste zu durchqueren. Hier lauern fiese Gefahren: quälender Durst, sengende Hitze und Fata Morganen. Am Ende ihrer Kräfte erreichen sie endlich eine Oase. Sie treffen auf eine Gruppe Kamele, die ihnen den Weg durch die Wüste zeigen.

Abenteuerliche Reise durch den Dschungel

Die Vegetation wird immer üppiger, bis sie schließlich zu einem dichten Dschungel heranwächst. Der Urwald quillt über vor Leben: „…Marie kann vor lauter Hören nichts sehen.“ (Zitat, S.82)

Schnell spricht sich herum, dass ein Elefant mit zwei merkwürdigen Passagieren auf abenteuerliche Reise durch den Dschungel schaukelt. Die neugierigen Affen trauen sich zuerst, die Unbekannten zu begutachten. Nach und nach kommen weitere Tiere und lernen Menschen und Dickhäuter kennen.

Tiere lernen Menschen kennen
Das große Kennenlernen

Marie und Joscha erzählen ihre Geschichte und alle ihre neuen Freunde begleiten die Reisenden bis zum Rande des Dschungels, dorthin, wo die Elefantensteppe beginnt.

Durch Jawaad, den hungrigen Löwen-König, erfahren sie erstmals, dass sie in Afrika sind. Problem: Jawaad hat Hunger. Doch Abuu kennt so kurz vor dem Ziel keine Angst. Er stellt sich dem Löwen und dessen Rudel und schreitet stolzen Schrittes weiter durch seine Heimat. Um endlich seine Familie zu finden.

Die Steppe – das Ende einer langen Reise

Das Ende der langen Reise kommt mit einer riesigen Staubwolke am Horizont immer näher. Eine große Herde Elefanten bremst vor ihnen ab. Abuu erzählt seine Geschichte, sie betasten und beschnuppern sich und endlich kann die große Elefantin sich erinnern und erkennt in Abuu ihren Urenkel. „Je länger sie alle Abuu berühren, desto liebevoller werden sie. Denn nach und nach glaubt jeder von ihnen, ein bisschen Verwandtschaft herauszuriechen oder zu erfühlen.“ (Zitat, S. 103)

herzliches Wiedersehen am Einde einer abenteuerliche Reise
Herzliches Wiedersehen

Abenteuerliche Reise in Bildern:

Die Bilder sind warm und bunt und von weichen Konturen umgeben. Die Tiere und Menschen sind lustig bis putzig dargestellt, so dass auch die gefährlichen Raubtiere den kleinen Bildanguckern nicht zu viel Angst einflössen dürften. „Denn die Geschichte ist zu bunt für dunkle, düstere Träume.“ (Zitat, S.37)

Jede Doppelseite ist mit den Szenen der jeweiligen Kapitel bebildert – eine sehr super Zuhör-Hilfe. Die Überschriften sind in einer sehr schönen und stimmigen Typografie gestaltet und teilen die abenteuerliche Reise in sinnvolle Etappen ein.

Neue Freunde
Neue Freunde

Die Illustrationen machen aus der sehr gelungenen Geschichte ein Gesamtkunstwerk, dass jeder Lesebengel lieben wird.

Fazit und Moral von der Geschicht`:

Erzählstil für Groß und Klein

Schön ist es immer, wenn den Kindern die Geschichte gefällt und auch die erwachsenen Vorleser, etwas zu lachen haben. Und wenn es nur ein Moment des Schmunzelns ist, wie bei der Aussage von Joscha: „Riesen fällt nichts auf den Kopf. Sie sind größer als alles andere.“ (Zitat, S.11), oder „Er wischt sich den Mund mit der Tischdecke ab. Ein bisschen Höflichkeit muss sein.“ (Zitat, S.17) Solcher Momente gibt es viele in dem Buch von Oliver Scherz, so dass ich das Vorlesen sehr genossen habe.

Abuu getarnt als Hauswand auf abenteuerliche Reise
Abuu getarnt als Hauswand

Außerdem wimmelt die Geschichte nur so vor tollen Einfällen, dass das Lesen einfach Spaß macht und die ganze Zeit über spannend bleibt. Ein Beispiel ist, wie Abuu den Kraken ausgetrickst hat: Der Elefant hat einfach ganz tief Luft geholt, so dass der Krake ihn nicht hinunterziehen konnte. „Ein Elefant voller Luft treibt nämlich im Wasser wie ein Ballon nach oben.“ (Zitat, S. 71)

Viel gelernt

Wunderbar. Und was gelernt obendrein. Geradezu nebenbei lernen die Zuhörer weitere wichtige Dinge: Gehe nicht mit Fremden mit (die Szene mit dem Kraken) oder durch Marie´s Naturbeobachtungen: „Und sie bemerkt, dass es der Wind ist, der auf dem Wasser Wellen macht.“ (Zitat, S. 60).

Und wir lernen: „Zwei schwere Herzen zusammen schlagen leichter als eines alleine“ (Zitat, S. 66). Eine schöne, für Kinder sehr wichtige, Botschaft. Die Themen Zugehörigkeit und Sehnsucht nach Familie und Heimat sind zentral in dieser Geschichte.

Sensibler Umgang mit schwierigem Thema

Vorsichtig und zaghaft erfahren die kleinen Zuhörer oder nicht mehr ganz kleinen Selbstleser, dass Menschen mit Elefanten nicht immer gut umgehen. Sie sägen die Stoßzähne ab und töten sie. Oder entführen sie in Zoos bis auf die andere Seite der Erde. Der Autor findet einen sehr feinfühligen Zugang zu diesem Thema, in dem er die kleine Marie Fragen stellen lässt. Und zwar genauso, wie Kinder eben fragen würden: Voller ehrlicher Empörung und Unverständnis: „Das versteht Marie erst recht nicht. Wieso klaut man einem Elefanten einen Zahn, um einen Elefanten daraus zu schnitzen?“ (Zitat, S. 26). Das Gespräch nimmt mit den Erzählungen über die Schönheit Afrikas ein versöhnliches Ende und bietet einen guten Ausweg aus dem belastenden Thema.

Abenteuerliche Reise auf dem Floß
Ein Floß wird gebaut

Toll geschrieben. Locker, leichter Erzählton, trotzdem niemals aufgesetzt witzig. Der Autor scheint die Geschichte durch Kinderaugen erlebt und dann erst aufgeschrieben zu haben. Er findet die richtigen Worte, um die Zuhörer und Leser abzuholen und mitzunehmen. Mitzunehmen auf eine abenteuerliche Reise nach Afrika.

Durch Kinderaugen geblickt

Und jeder wird seine eigenen Kinder in den beiden menschlichen Protagonisten wiederfinden. Denn wer Kinder hat, dem kommt das, was Marie und Joscha denken, sagen und tun äußerst bekannt vor: „Noch stolzer ist sie auf Joscha. Der weiß, wie man mit Daumen und Zeigefinger die Wege auf der Kugel ausmisst. „Bis zum Meer ist es höchstens noch ein halbes Land, vielleicht hundert Kilometer oder zwei Stunden…“ (Zitat, S. 48)

Nach einer wunderbaren Szene des Wiedersehens, Wiedererkennens, Zusammengehörens von Abuu und seiner Herde, nimmt die Geschichte ein unglaublich geschicktes, handwerklich perfekt gemachtes Ende.

Zuvor verdeutlicht das Wiedersehen von Abuu und seiner Urgroßmutter, wie gut das sprichwörtlich gewordene Gedächtnis der Elefanten ist. Außerdem wird eine Botschaft vom Beginn des Buches noch einmal betont: Lernt euch kennen. Angst entsteht schnell, wenn man etwas oder jemanden nicht kennt. Sich zu kennen aber, schafft Nähe und Vertrauen. Und wer vertraut, muss sich weniger fürchten.

Mama und Papa
Wieder da!

Bei so viel Familie bekommen auch Marie und Joscha Sehnsucht nach der ihren. Langsam und behutsam geht eine Welt in die andere über und die Geschwister liegen wieder in ihren Betten. Und bekommen von ihren Eltern einen Gute-Nacht-Kuss, der so zart und weich ist, wie von Elefantenrüsseln.

Leseempfehlung für alle Lesebengel, auch und unbedingt für Selbstleser! Wagt ihr eine abenteuerliche Reise?

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